09.-16.04.2010 Exkursion nach New York: Vorwort und PTB-Konzept
»Playing the City: New York Mind Mapping«
oder
»Vom Sichtbarwerden ästhetischer Erfahrung«
auf und nach der Exkursion der Kunstpädagogik vom 09. – 16. 04.2010

Das Konzept »Playing the City« geht zunächst aus von der möglichen Erwartungshaltung der Exkursionsteilnehmer bezogen auf die zu besuchenden kulturellen Einrichtungen (s. Anhang) im Kontext mit individuellen Gestaltungsabsichten und eigenen und gemeinsamen kunst- und museumspädagogischen Theorie-Praxis-Bezügen. Diesen, in bisherigen individuellen Projekt-Tage-Büchern (PTB) entwickelten Vorstellungen, abgeleiteten Erwartungen und Fragestellungen wird dann in der Exkursionswoche, beim Besuch der jeweiligen kulturellen Einrichtungen, konkret nachgegangen z. B. durch Auf- und Nachzeichnungen, Collagen, Kartierungen und (Selbst-)Reflexionsschärfungen zunächst in sogenannten NotizBüchern:
Denn:
Wer sich Notizen macht, skizziert, schreibt,
bezeugt und ordnet seine Wahrnehmungen und Ideen. Er macht sich Gedanken über die Wahrnehmung seiner Wahrnehmung und damit über interessante atmosphärisch dichte Situationen. Notizen basieren auf Assoziationen, sind spekulativ, stellen Bezüge her zum eigenen Gestalten und zur eigenen theoretischen Arbeit, markieren einen vorläufigen Moment oder Gedankenblitz, der uns im nächsten Augenblick wieder abhanden kommen könnte; sie funktionieren besonders in unseren (ästhetischen) Theorie- und Praxis-Zusammenhängen als Gedächtnisstütze oder Gedankenspur z. B. für die Weiterarbeit im Projekt-Tage-Buch (PTB) und/oder Projekt-Planungs-Buch (PPB) …
Unser NotizBuch-Versuch in N.Y.C. eröffnet demnach einen besonderen, atmosphärisch verdichteten Forschungsraum rund um die Exkursion und stellt sich die Aufgabe, wie das hier dokumentierte ästhetische Denken als Ausgangspunkt für weitere kunst- und museumspädagogische Vorstellungen funktioniert. Der kumulative aufbauende Charakter des NotizBuch-Projekts verspricht Bewegung, es entsteht ein weiterer motivierender geistiger Arbeitsraum und Fundus mit den unterschiedlichsten Notizen zu elaborierteren, zeitlich nachfolgenden und ausgedehnteren Gestaltungs- und Selbst-Reflexionsformen im PTB und/oder im PPB:
Es dient zur Entwicklung einer besonderen Wahrnehmung der Wahrnehmung: ein Prozess, der sich nur in Abhängigkeit von der eigenen Tätigkeit des Wahrnehmens und Gestaltens zutragen kann.
»NotizBuch« veranschaulicht diesen polyvalenten Ansatz ebenso wie seine Weiterführung im »PTB« und/oder »PPB« und zeigt, dass ein vielschichtiges und bewegliches Denken zur Realisierung einer stimmigen Konzeption zeitgenössischer Kunstpädagogik nötig ist, um (Gestaltungs- und Imaginations-)
Räume zu schaffen. Gedanken sind, anders als Aussagen, immer polyvalent. In diesem Sinne sind NotizBücher konzipiert und zu konzipieren vom einzelnen Exkursionsteilnehmer und in der gesamten Gruppe zu besprechen …
Im NotizBuch könnte sich vor allem das Überbordende einer NewYork-Exkursion breitmachen: das Sammeln, Sortieren, Interagieren und Archivieren von Informationen aus Museen- und Galerien wie z. B. das Zusammenspiel der bildnerischen Präsentationen von William Kentridge im P.S.1, im MoMA und in der MET, wo er z. Zt. Dmitri Schostakowitsch’s Oper »Die Nase« inszeniert …
Oder brisante Anmerkungen zur themenbezogenen Ausstellung “Skin Fruit“ über Evolution, Sünde und Sexualität im New Museum. Hier tritt der Konflikt konkurierender Kunstsysteme exemplarisch zutage. Das New Museum started mit dem Projekt “The Imaginary Museum“, und hinter diesem bei André Malraux entliehenen Titel verbirgt sich die Absicht, das Museum im regelmäßigen Abständen Privatsammlern zu überlassen. Damit werden entscheidende Fragen, auch die Kunst- und Museumspädagogik betreffend, gestellt: Wer hat die Deutungs- und Vermittlungshoheit im Kunstsystem? Wer entscheidet, was wie warum gezeigt wird? Übrigens wird die Sammlung Joannou präsentiert, in der Jeff Koons prominent vertreten ist. Und wer kuratiert diese Ausstellung? Jeff Koons …
Dazu gesellen sich möglicherweise Gesprächsnotizen und -fragmente aus unseren Besuch des Goetheinstituts, aus der Unterredung mit Herrn Wackwitz ebenso aus unseren Atelierbesuchen bei Tim Rollins und seiner KOS-Gruppe und bei Joan Waltemath in der Bowery …
Sicherlich mischt sich (scheinbar) Überflüssiges und Kurioses auch aus alltäglichen Stadterkundungen darunter; daraus erwächst eine beträchtliche Materialsammlung z. B. aus Ausstellungs- und Aufführungs-Flyern, Flug- und Eintrittskarten, Zeitungsausschnitten, Fotos, Architektur-Skizzen, Kunstwerk-Nachzeichnungen, Collagen aus Eintritts- und Metrokarten, Quittungen, aus Plakat- und Tütenfragmenten und Kunst- und Postkarten, etc., etc.
Was sich also zunächst im NotizBuch ansammeln könnte, das wäre eine möglicherweise paradoxe Welt, zugleich Wunder- und Schatzkammer und kaleideskopisches Sammelsurium aus sozialen Kontakten, Blitzlichtern, Erinnerungsfragmenten und Erwartungshaltungen – also “Trash“ ebenso wie “Treasure“, “Sentimental Journey“ wie “Leftover“, das viele Impulse in sich trägt auch für zukünftige Arbeiten der „ästhetischen Wiederverwertung“ – vielleicht immer in Gefahr, auf einen „enzyklopädischen Kollaps“ zuzusteuern:
Wir versuchen also einen jeweils individuellen Akkumulationsprozess in Gang zu setzen, der schon aus Platzgründen nicht unbedingt bei den “Time Capsules“ eines Andy Warhol enden sollte. Andererseits gibt es höchst produktive adäquate Gestaltungsweisen, die auf unsere Transfers warten, denken wir an Picassos »Je suis le Cahier« oder »Boîte en valise« von Duchamp sowie exemplarisch einschlägige, aber höchst verschiedene Arbeiten von Hanne Darboven, Francis Alÿs, Ilya Kabakov oder Lothar Baumgarten …
Und um eine Über-Sicht über alle Akkumulationsprozesse zu ermöglichen, könnten wir in unserm Hotel „Pennsylvania“ ein Büro einrichten, das noch offene Besichtigungsmöglichkeiten, Dokumentationsmaterial der besuchten Einrichtungen und die Aufzeichnungen der Exkursionsteilnehmer während des Projekts sammelt und archiviert …
Wie NotizBücher und ihre „Verdichtungen“ in »Projekt-Tage-Büchern« oder „Visuellen Tagebüchern“ z. B. aussehen können, dies lässt sich derzeit in den obsessiv gezeichneten Chroniken unterschiedlicher Künstler in den aufzusuchenden New Yorker Galerien verfolgen – was dem Bericht von Lisa Zeits in der FAZ vom 6. Februar zu entnehmen ist. Da ist z. B. der New Yorker Psychiater Martin Wilner, Jahrgang 1959; dieser hat „klinische Angst davor, Zeit zu verschwenden“, erklärt David Leiber, Direktor von Sperone Westwater in der 13th Street. Da Wilner tagsüber mit seinen Patienten beschäftigt ist, zeichnet er außerhalb der Sitzungen. Alles was er liest und um sich herum wahrnimmt, verarbeitet er tagtäglich mit einem hauchdünnen Rapidographen in seinem Projekt “Making History“ – was der impliziten Aufforderung des NotizBuchs, und später, des Projekt-Tage-Buchs sehr entspricht, themenzentrierte Wahrnehmungen und Ideen einfließen zu lassen, und wenn möglich, jeden Tag. Und jeden Tag zeichnet Wilner ein mit Text unterlegtes Bild, sei es ein Mordopfer in Queens, ein Skandalpolitiker oder ein philanthropischer Geschäftsmann …
Jedes Bild wird durch kartographische Verbindungslinien mit den umliegenden Tagesbildern verwoben zu einem dichten „Kalender“. Die Monate erhalten Themen wie „Tiere“, „Nationen“ oder „Porträts“, die sich dann miteinander vernetzen – wer denkt da nicht an die Verklammerung von Rahmenthema und Teilthemen in unseren interessen-differenzierten projekt-orientierten Museums- und Kunstvermittlungen …
Wilners “Journal of Evidence Weekly“ z. B. besteht aus Leporellos, deren einzelne Zeichnungen in der New Yorker Subway entstanden sind: selbst auf dem Weg zur Arbeit zückt er demnach sein Projekt-Tage-Buch … Nachahmenswert?!
In ganz anderer Weise obsessiv sind die kleinen Arbeiten auf Papier von Dan Perjovschi, der vor allem durch seine ephemeren Werke auf Museumswänden bekannt geworden ist. »Postcards from the World« heißt seine Ausstellung bei Lombard Freid in der 26th Street. 500 postkartengroße Zeichnungen hängen zur Zeit dicht an dicht an einer Wand mit seinen kritischen, befremdlichen oder humorvollen Beobachtungen in der (Neuen) Welt. Jede Woche erhält die Galerie weitere Postkarten von Perjovschis Reisen …Work in Progress.
Soweit aktuelle Ausstellungseinblicke, unsere NotizBuch - und weiterführende Projekt-Tage-Buch-Gestaltungen betreffend … im Rahmen unserer Ausblicke und „Inszenierungsmöglichkeiten“ der N.Y.C.-Exkursion bei unserer Rückkehr in Würzburg. Beginnen wir also mit den New-York-zentrierten »Ästhetischen Spiel-Formen«, mit dem »Playing the City« … als Entwurf einer bildnerisch-ästhetischen Handlungsforschung: In jedem NotizBuch hat dauerhaft eine Welt Platz und kann in nachfolgenden Projekt-Tage-Büchern und Projekt-Planungs-Büchern erweitert werden …
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