Vorwort Wintersemester 2008/09
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
in unseren Modellversuchen mit interessen-differenzierten projekt-orientierten Kunstunterricht an der Kerschensteiner Grundschule (mit dem Kunst- und Leseraum), der Sattler-Real- und der Hauptschule in Schweinfurt und an der Sonderschule Heuchelhof in Würzburg stellen wir den Lehrer- oder Lernberater, wie es im Projektjargon „steßmildernd“ heißt – in die Mitte der aktuellen (ästhetischen) Bildungsdebatte:
in die Mitte zwischen adäquaten Gegenstandsbezug und authentischer Schülerorientierung. Besonders wenn es um die Planung, Durchführung oder Evaluation dieser semesterlangen kunstvermittelnden Aktivitäten und Prozesse geht. Keine Auseinandersetzung um die „richtige“ ästhetische Bildung kann davon ablenken, dass alle Strukturreformen leer laufen, wenn der Kunst- und Museumspädagoge nicht „gut“ ist. Wie zentral seine motivierende Rolle als Wissensvermittler, Ansporner und Entflammer z. B. bereits für’s Anfangsinteresse an Kunst ist, weiß eigentlich jeder, der einen solchen hatte.
• Umso erstaunlicher, wie schnell man diese Grundwahrheit im Wust der Reformdiskussionen aus dem Auge verliert … und
• umso wichtiger ist es, dass wir das Forschungskolloquium (jeweils am Donnerstag um 14 Uhr im KUNSTRAUM) als Forum betrachten, das den (zukünftigen) Kunstpädagogen und -vermittler in den Mittelpunkt der konkreten Anschauung stellt: dass durch eigene ästhetische Erfahrung und reflektierte Lehrtätigkeit und durch gemeinsame Analyse der methodisch anspruchsvollen und durchzuführende Projekte zunehmend eine neue Vermittlungsqualität erwächst mit kunstpädagogischer Strahlkraft.
Das bedeutet, dass wir z. B. in der Lage sein müssen, einen kunstpädagogischen Anspruch zu formulieren, wie wir mit Bildern motivierend umgehen können, wie wir die Form als einen Ausdruck und zugleich Träger von psychischen, sozialen und kulturellen Energien begreifen …
„Prinzipiell bleibt, was in der Schule geschieht, weit hinter dem leidenschaftlich Erwarteten zurück“. Dieser Defätismus Adornos muss durchbrochen werden, mit dem man die Schule als nicht mehr innovativ und den Lehrer als einen unverbesserlichen Unterrichtsbeamten als Dienstleister am Kinde abtut.
Insofern empfinde ich es fast als „Ironie des Schicksals“, was das Schulmuseum der Universität Nürnberg/Erlangen uns anbietet, nämlich ein »Denk-Mal des idealen Lehrers« zu gestalten. Eine diesbezügliche Entwurfstätigkeit »Vom Projekt-Tage-Buch zur Körper-Skulptur« kann ich mir gut vorstellen in meinem Seminar am Di. um 12.30 – 14 Uhr – vielleicht in Verbundsystem mit unserer Rahmenthematik an den drei Modellschulen. Dieses „Denkmal für den idealen Lehrer“ ist sowohl als Hommage als auch als ironische Anspielung gemeint, und unsere Entwurfsarbeit könnte überraschende Entsprechungen und Widersprüche freisetzen, ebenso das Interesse für Verschiebungen von Identität und Identifikation, für kulturelle Erinnerungen und Erinnerungslücken und für die unterschiedlichen Behandlungen und Gestaltungen dieser Fragen nach dem Selbstverständnis „des Lehrers“ in unseren Gestaltungsprozessen.
Unsere vorgeschobene Gestaltungsexkursion nach St. Jean de Fos hat dem Wintersemester bereits den ersten Glanzpunkt aufgesetzt – beispielsweise durch die große Faszination, die von dieser Landschaft des Héroult ausging: Vom Plateau de Larzac mit dem Mont Baudile, sodann von St. Guilhem le désert, le cirque de Navacelles, la grotte de Clamouse, le lac du Salagou am Fuß des Cháteau du Castellas …
Diese Intensitäten verschiedenster Landschaften nebst der Stadt-Landschaft von St. Jean nahm uns unmittelbar gefangen und setzte sich in unserer Erinnerung fest. Es ist die Eindringlichkeit eines solchen Erlebens, die z. B. in unseren Projekt-Tage-Büchern (aus Transparentpapier) aufscheint und „hinübergerettet“ werden soll in unsere Wintersemesterarbeit und Ausstellung in den Räumen des BBK im Kulturspeicher Ende April 2009.
Nach der herausgehobenen Teilnahme an den „Kunsträumen Bayern 2008 in der St. Johannis-Kirche in Würzburg stellen wir uns im Wintersemester 2008/9 neuen anspruchsvollen Herausforderungen bzgl. unserer mannigfaltigen Gestaltungs-, Rezeptions- und Vermittlungsweisen, die Sie bitte diesem kommentierten Vorlesungsverzeichnis entnehmen. Gehen wir’s wohlgemut an! Ich wünsche uns wieder ein interessantes spannendes Wintersemester 2008/9
Ihr
Rainer Goetz
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